Maria Montessori

Maria Montessori wurde 1870 in Chiaravalle bei Ancona (Italien) geboren. Als erste Frau gelang es ihr, Medizin zu studieren und zu promovieren. Dieser Studiengang war bis dahin ausschließlich Männern vorbehalten - und Naturwissenschaftlern (ohne Geschlechterdefinition). Montessori entdeckte diese »Lücke« und absolvierte ein komplettes Mathematikstudium, um die Zugangsberechtigung zum Medizinstudium zu erlangen. In den letzten beiden Studienjahren spezialisierte sie sich auf Psychatrie und Kinderheilkunde.

Dabei war sie zutiefst betroffen von den würdelosen Bedingungen, in denen die geistig kranken Kinder zu jener Zeit leben mussten - und sie machte eine erstaunliche Entdeckung: Die Kinder, die ohne jegliches Spielzeug auskommen mussten, behielten heimlich Brotreste und formten aus diesen kleine Kugeln, mit denen sie spielten. Montessori folgerte aus dieser (und anderen) Beobachtungen, dass Kinder ein angeborenen Drang zum Spiel haben müssen, und begann, die Kinder gezielt mit Material zu versorgen.

Der Effekt war verblüffend: Die zu jener Zeit als völlig hoffnungslos angesehenen Kinder begannen auf einmal, enorme Fortschritte in ihrer Entwicklung zu machen. Montessori beschäftigte sich daraufhin mit bereits in Vergessenheit geratenen Werken der Wissenschaftler Jean Itard und Edouard Seguin, die geistige Unterwicklung bereits 50 Jahre zuvor als pädagogisches - und nicht als psychatrisches Problem angesehen hatten.

1899 erhielt Montessori vom ital. Erziehungsministerium den Auftrag, eine Fortbildungsreihe für Lehrerinnen über geistig behinderte Kinder zu halten. Resultat dieses Kurses war die Eröffnung der »Scuola magistrale ortofrenica« (»Heilpädagogisches Institut«), das Montessori zwei Jahre leitete.

1901 verließ Montessori das Institut, um ein weiteres Studium aufzunehmen. Diesmal studierte sie die Fächer Anthropologie, Psychologie und Erziehungsphilosophie. Bei ihren Studien kam sie zu dem Schluss, dass gesunde Kinder mit kindgerechten und handlungsorientierten Lern- und Spielmaterialien noch größere Fortschritte machen müssten, als sie das bisher bei beeinträchtigten Kindern erlebt hatte.

1907 eröffnete sie daher ihr erstes CASA DEI BAMBINI (Kinderhaus) für Kinder sozial schwacher Familien im römischen Stadtteil San Lorenzo. Dort konnte sie ihre Studien über kindliches Lernverhalten erweitern und vertiefen. Sie bemerkte u. a., wie tief die Konzentration von Kindern bei selbstgewählter Arbeit werden kann, wie groß die Fortschritte durch entdeckendes Lernen sind und dass es sensible Phasen bei Kindern gibt, in denen sie bestimmte Inhalte besonders schnell und gründlich lernen (»Entwicklungsexplosionen«) und dass verpasste Inhalte dann nie wieder richtig nachgeholt werden können. Für die Schule folgerte sie daraus, dass ein gleichgeschalteter Unterricht für alle Kinder Unsinn ist - heute enthält jeder Lehrplan den Anspruch der Differenzierung. Zudem sah sie das »Lernen erlernen« als Grundlage jeder Form von Bildung - »Hilf mir, es selbst zu tun!«.

Für die damalige Zeit waren diese Entdeckungen sensationell, die heutigen wissenschaftlichen Untersuchungen zur Entwicklung des kindlichen Gehirns und der Denkstrukturen stützen diese Entdeckungen vorbehaltslos.

Bald eröffneten weitere Kinderhäuser und erste Schulen, für die Montessori speziell auf die kindlichen Bedürfnisse zugeschnittene Materialien entwickelte. Wichtig war für diese Materialien die Anschaulichkeit, die Handlungsorientierung und die Selbstkontrolle, die es dem Kind ermöglichte, Fehler selber festzustellen und es motivierte, zum richtigen Ergebnis zu gelangen. Außerdem forderten nahezu alle Materialien von den Kindern ein hohes Maß an Konzentration, Ausdauer, Sorgfalt und Ordungssinn - wichtige Tugenden der Montessori-Pädagogik. In den goldenen Perlen erkennt man übrigens noch heute die »Brotkrumen«...

Bereits 1916 waren Montessoris Ideen und Erfolge bis nach Nordamerika vorgedrungen. Im selben Jahr verließ Montessori Italien und zog nach Barcelona, von wo sie begann, ein breites Netz an Einrichtungen und Fortbildungen auszubauen.

Ein dunkles Kapitel in Montessoris Lebenslauf war die kurzzeitige Zusammenarbeit mit dem ital. Faschisten Mussolini, der von der Idee einer echten »italienischen Bildung« begeistert war. Doch Montessori bemerkte nach anfänglicher Freude für das Interesse an ihren Ideen bald, dass sie hier für Wege ausgenutzt werden sollte, die im krassen Gegensatz zu ihren persönlichen Überzeugungen standen und sie musste ins Exil nach Indien.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges ging sie in die Niederlande, die bis zum Ende ihres Lebens 1952 ihre Heimat waren. Mit unzähligen Fortbildungen und Neueröffnungen verbreitete sie von dort ihre Pädagogik weltweit. Noch heute ist in den Niederlanden der Sitz der Association Montessori Internationale (AMI).

Im Alter von 40 Jahren bekannte sich Maria Montessori zu ihrem 1898 unehelich geborenen Sohn Mario, den sie in Pflege gegeben hatte.
Dieser war maßgeblich an der Produktion der Lernmaterialien und der Organisation der Fortbildungsangebote beteiligt. Bis zu seinem Tod im Jahre 1982 führte er das Werk seiner Mutter fort.

Heute gibt es tausende Montessori-Einrichtungen weltweit und unzählige Verbände und Organisationen. In Deutschland sind dies allein etwa 600 Kinderhäuser, 300 Grundschulen und 90 weiterführende Schulen. Vieles hat sich weiterentwickelt, ein Grundsatz ist geblieben: Die Erziehung des Kindes zur Selbstständigkeit.

»Hilf mir, es selbst zu tun.«